Die Bedeutung der biopharmazeutischen Beschaffung bei Rentschler Biopharma

9. März 2020 Die Bedeutung der biopharmazeutischen Beschaffung bei Rentschler Biopharma

Interview mit Matthias Walter im Magazin "Best in Procurement"

Was, wenn die Aminosäuren ausgehen?

Sechs bis acht Wochen dauert die Herstellung biopharmazeutischer Medikamente. Der Markt ist stark reglementiert, die Lieferantenlandschaft überschaubar. Wie also lässt sich die so wichtige Versorgungssicherheit gewährleisten? Eine BIP-Spurensuche in Oberschwaben.

Schon die Namen der Konferenzräume auf der dritten Etage verraten, dass dieses Unternehmen keine alltäglichen Produkte herstellt. Sie klingen nach Medikamenten, sind aber nicht so vertraut wie Aspirin oder Dolormin. "Die Räume sind nach Produkten benannt, die wir herstellen oder hergestellt haben", sagt Matthias Walter - um aber gleich noch zu ergänzen: "Produkte, von denen ich hoffe, dass Sie sie niemals benötigen." Walter ist Director Strategic Procurement beim Biopharmazeutikahersteller Rentschler Biopharma SE aus dem beschaulichen Laupheim in Oberschwaben. Geografisch relativ mittig gelegen zwischen den Pharmariesen Boehringer Ingelheim in Biberach und Teva/Ratiopharm in Ulm, produziert der Mittelständler mit seinen etwa 1.000 Mitarbeitern im Auftrag seiner Kunden biopharmazeutische Produkte, die vorwiegend bei schweren Krankheiten wie zum Beispiel Krebs zum Einsatz kommen. Im Gegensatz zu chemisch hergestellten Medikamenten werden Biopharmazeutika von gentechnisch veränderten Zellen produziert.

Wie entstehen Biopharmazeutika?
Die Herstellung erfolgt dabei grob in zwei Produktionsschritten: Die Anzucht der Proteine ist der erste. Damit die Zellen wachsen können, braucht es unter anderem Zellkulturmedien, die flüssig oder als Pulver angeliefert kommen, um dann in einer Puffermedienstation verflüssigt zu werden. Mit diesen Medien werden die Zellkulturen im Bioreaktor regelmäßig "gefüttert". Im zweiten Schritt erfolgen Filtration und Aufreinigung. Vereinfacht gesagt wird dabei das Endprodukt vom "Abfall" getrennt. Sechs bis acht Wochen dauert es in etwa, bis das "Produkt" fertig ist. Zellkulturmedien, Bioreaktorbags, Chemikalien, Filter, Chromatographie-Resins, Schlauchsysteme: Für die Beschaffung all dieser für Rentschler direkten Materialien ist der strategische Einkauf verantwortlich, der neben Walter als Leiter aus vier weiteren Kollegen besteht. "Drei sind reine Warengruppenmanager und eine Kollegin kümmert sich um Prozesse und steuert bereichsübergreifende Projekte", erklärt der Leiter des strategischen Einkaufs. Auch Walter selbst betreut übrigens Warengruppen: "Die Zellkulturmedien und die Dienstleistungen für externe Analytik liegen bei mir", erklärt er. Der Grund dafür: "historisch so gewachsen".

Wenige große Lieferanten.
Die Pharma-industrie gehört zu den reguliertesten und sensibelsten Branchen überhaupt. Jeder Schritt muss genau überwacht und dokumentiert sein, ohne Zulassungen läuft nichts. Jedes Produkt wird vor der Weiterverarbeitung getestet. Chemikalien und Zellkulturmedien sind darüber hinaus hochempfindlich und haben nur eine begrenzte Haltbarkeit. "Was wir geliefert bekommen, müssen wir meist schnell weiterverarbeiten", sagt Walter. Oberstes Ziel des Einkaufs ist daher ganz klar, die Versorgungs- und Liefersicherheit zu gewährleisten.
Doch das ist in einem so regulierten Markt schwerer, als es sich anhört. "Egal ob Chemikalien oder Equipment, bei vielen unserer Warengruppen gibt es oft nur drei oder vier Lieferanten und das sind meistens die großen Player", schildert Walter die Situation. Ein professionelles Lieferantenmanagement sei daher oberstes Gebot. Als der 43-Jährige vor drei Jahren zu Rentschler wechselte, hat er sich das Thema ganz oben auf seine To-do-Liste geschrieben. Gemeinsam mit den Kollegen aus der Produktionsplanung und dem operativen Einkauf wurde ein Eskalationsplan aufgesetzt und installiert. "Bei knapp 650 Lieferanten können Sie sich vorstellen, was wir da zu tun haben", sagt Walter. Er betont aber gleichzeitig, wie wichtig es sei, dass die Fäden hier im strategischen Einkauf zusammenlaufen: "So haben wir den besten Informationsstand. Denn unser größtes Risiko wäre, dass ein Produkt nicht verfügbar ist."Ein Beispiel: Aktuell gebe es etwa einen weltweiten Engpass an Aminosäuren. "Gemeinsam mit dem Qualitätsmanagement und der Zulassungsabteilung müssen wir jetzt prüfen, ob alternative Produkte eingesetzt werden können."

Verbesserungspläne und Trainings.
Lieferantenmanagement in einer stark reglementierten Branche wie Pharma ist immer ein Geben und Nehmen. Deshalb stehen regelmäßige Business Review Meetings mit den Lieferanten, die mindestens halbjährlich stattfinden, auf der Tagesordnung. "Wir besprechen in diesen Meetings die Lieferperformance und natürlich die Qualität", sagt Walter. Wer über mehrere Monate hinweg schlecht liefert, bekommt einen Verbesserungsplan aufgebrummt. "Aber darüber reden reicht oft schon, damit sich die Performance wieder verbessert", so Walter. Auch sogenannte Technical Visits bei den Lieferanten führt sein Team durch. "Da schauen wir uns die Produktion und die Supply-Chain-Risiken an und wie der Lieferant seine Vorlieferanten absichert." Andererseits werden Lieferanten aber auch mal zu sogenannten Handling Trainings eingeladen, wenn es bei Einmalprodukten wie Bags, Filtern oder Schlauchsystemen vermeintliche Qualitätsprobleme gibt. "Das Einlegen einer 2.000-Liter-"Plastiktüte" in einen Einwegbioreaktor ist nicht ganz trivial und kann unter Umständen zu Problemen führen, sagt Walter offen. Dies sei definitiv ein Thema, das den Einkauf auch weiterhin beschäftigen wird. Doch es ist nicht das einzige.
Erst wenige Tage vor dem Gespräch mit BIP war Matthias Walter aus den USA zurückgekommen. Rentschler hatte im Frühjahr 2019 ein Werk in Boston übernommen und damit den ersten Standort außerhalb Deutschlands eröffnet. "Wir überlegen uns nicht nur, wie wir die Kollegen im Werk vor Ort unterstützen können, sondern auch, wie wir den Einkauf insgesamt über beide Werke organisieren wollen", sagt Walter.

Konsolidierung am Markt.
Was der Gruppenleiter außerdem noch genau beobachtet, ist die zunehmende Konsolidierung am Lieferantenmarkt. "Die großen Player werden immer noch größer. Der Grat zwischen partnerschaftlicher Beziehung und Abhängigkeit ist ein schmaler", sagt er. Teilweise versuche man, auch auf kleinere Lieferanten zu setzen. Dies gelinge allerdings nur bedingt. "Zum Teil kommen unsere Kunden ja schon mit einem definierten Prozess zu uns, der auch die Lieferanten genau vorschreibt. Das hat natürlich viel mit Sicherheit und Zulassung zu tun", sagt er. Einen Lieferanten zu wechseln sei schwierig. "Deswegen ist dieser enge Austausch mit unseren bestehenden Lieferanten so wichtig. Nur so kriegen wir schnell mit, wenn es zu Problemen und Engpässen am Markt kommt."

Kontakt:
Rentschler Biopharma SE
Dr. Cora Kaiser
Senior Director Corporate Communication
communications@rentschler-biopharma.com